Schlagwort-Archive: Schweiz

Sind Schulzeugnisse wirklich Momentaufnahmen?


Am 3. November 2016 veranstaltete das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schulzeugnisse und Stellwerktest verstehen“. Rund 240 interessierte Leute haben den Anlass im Auditorium des Technoparks in Zürich besucht. Auch #eduleaks hat sich unter die Anwesenden gemischt. Dies, um mehr über die Rollen der Bildungs- und Beratungsinstitutionen zu erfahren. Auch waren mehrere Vertreter von Ausbildungsbetrieben anwesend.

Dass das Laufbahnzentrum Zürich (LBZ) eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schulzeugnisse und Stellwerktest verstehen“ veranstaltet, ist zu begrüssen. Es zeigt, dass sich das LBZ als wichtige Drehscheibe zwischen Ausbildungsbetriebe, Anbieter von Zwischenlösungen (Brückenangebote), Volksschule sowie den Schülern versteht. Interessant waren auch die beiden vorangehenden Impulsreferate zweier Protagonisten der Podiumsdiskussion:

Frau Claudia Coray, Projektleitung Stellwerk des Lehrmittelverlags St. Gallen, referierte über den Stellwerktest 8 und erläuterte dessen Grundidee und Funktion. Er ist ein gewichtiges Hilfsmittel für die Ausbildungsbetriebe, die Leistungen der Schüler einschätzen zu können. Sie sagt:

„Der Stellwerktest deckt den Bedarf an einer unabhängigen Leistungsbeurteilung der Schüler ab“

Frau Tina Mathey, Klassenlehrerin 2. Sek B, Leiterin der Fachgruppe Sekundar Stadt Zürich, referierte über den Aufbau der Schulzeugnisse und erläuterte die Aufschlüsselung der verschiedenen Bildungsniveaus. Ihre Kernaussage an die Adresse der Ausbildungsbetriebe lautet:

„Schulzeugnisse sind nur Momentaufnahmen und danach vergessen die Schüler den Stoff wieder. Hinter jeder Note steht ein Mensch.“

Diese Aussage lässt aufhorchen. Ja, hinter jeder Note und jedem Schulzeugnis steht ein Mensch. Die ganze Gesellschaft besteht schliesslich aus Menschen. Dass jedoch Schulzeugnisse nur eine Momentaufnahme sein sollen, haben die Anwesenden wohl noch nie so zu hören bekommen.

„Kann überhaupt eine Momentaufnahme entstehen, wenn ein ganzes Semester geballten Schulstoffes und Prüfungen vorausgegangen ist?“

  • Wird hier nicht Interpretationsspielraum geschaffen, der Fragen aufwirft?
  • Ist damit gemeint, dass just in diesem Moment als das Schulzeugnis ausgestellt wurde, der Schüler seine Semesterleistung ausweisen muss?
  • Eine Momentaufnahme also, die jetzt genau in diesem Moment widerspiegelt, was der Schüler 6 Monate lange geleistet hat? Aber trotzdem keine weitere Auskunft darüber gäbe, was für ein Mensch denn nun der Schüler sei?

Will man den Eltern jetzt allen Ernstes weismachen, dass die Zeugnisnoten eigentlich nicht so wichtig wären? Sondern viel mehr, was für ein Mensch denn hinter diesen Noten stünde? Selbstverständlich; der Mensch spielt auch in der Berufsbildung eine zentrale Rolle. Aber entsteht hier nicht ein verzerrtes Weltbild auf Kosten der jungen Menschen?

Auch dass der Schüler den Lern-Stoff schnell wieder vergessen würde, wurde in einer alarmierenden Leichtigkeit kommuniziert, welche engagierten Berufsbildnerinnen und Berufsbildner das Blut in den Adern gefrieren lässt.

„Dieses gefährliche Moduldenken ist einer nachhaltigen Bildung nicht förderlich.“


Verwirrende Aussagen von Lehrpersonen

Aus etlichen Gesprächen mit Lehrpersonen sowie Berufsbilderinnen und Berufsbildner stellt #eduleaks fest: Die beiden Seiten haben sich in wichtigen Punkten noch nicht ganz gefunden:

  1. Ausbildungsbetriebe wollen eine unabhängige Leistungsbeurteilung der Schüler.
  2. Die Volksschule wünscht nicht, dass der Stellwerktest durch Ausbildungsbetriebe als Selektionshilfe genutzt wird.
  3. Viele Lehrpersonen befürworten die Abschaffung des Stellwerktests.

Die Volksschule steht mit diesen Sachverhalten unter Druck. Warum denn die Ausbildungsbetriebe den Stellwerktest nicht zur Selektion nutzen dürften, lautet die immer wiederkehrende Antwort:

„Der Stellwerktest ist nur eine Momentaufnahme. Wenn der Schüler einen schlechten Tag hatte, dann fällt auch der Test unbefriedigend aus. Es steckt immer ein Mensch dahinter.“

…und weiter:

„Die Ausbildungsbetriebe würden ihre Anforderungen an die Schüler stetig steigern. Für Schüler würde es immer schwieriger werden, eine passgenaue Lehrstelle zu finden.“

Die öffentlichen Medien berichten dazu auch gerne mal, dass man als Schüler schon fast einen Hochschulabschluss für eine Lehrstelle vorweisen müsse.

Doch sind die Schulzeugnisse und Stellwerktest wirklich nur Momentaufnahmen? Im Fokus der Ausbildungsbetriebe wirkt die Argumentation der Volksschule wie eine durchdachte Augenwischerei.

„Ist #eduleaks einer grossen Bildungslüge auf der Spur?“

Viele Ausbildungsbetriebe wünschen sich einen kompetenten und verlässlichen Partner an ihrer Seite. Eine Volksschule die ehrlich kommuniziert, wie es  z.B. um den durchschnittlichen Teil ihrer Schulabgänger steht und nicht einfach ihre Schüler an die nächste Bildungsstufe weiterschiebt.

Es ist von signifikanter Relevanz, die Schulabgänger aufgrund ihrer Schulzeugnisse möglichst genau beurteilen zu können. Denn die angehenden Lernenden sollen in ihrer Ausbildung Erfolgserlebnisse erfahren dürfen und spüren, was in der Wirtschaft mit guten Leistungen machbar ist.

„Würden die Ausbildungsbetriebe ausschliesslich anhand der Schulnoten rekrutieren, würde die Lehrabbruchsquote im ganzen Land dramatisch ansteigen.“

Muss die Notenwahrheit der Schulzeugnisse somit in Frage gestellt werden?  Kann Sie für eine adäquate Einschätzung der Schüler noch verwendet werden?


Ausbildungsbetriebe nehmen Verantwortung war

In Fachkreisen ist es unbestritten, dass die Notenwahrheit der Schulzeugnisse neues Vertrauen gewinnen muss. Solange dies nicht der Fall sein wird, werden die Ausbildungsbetriebe den Stellwerktest weiterhin als unabhängige Einschätzungshilfe einsetzen und verlangen.

Diverse Vertreter von Ausbildungsbetrieben haben sich in der Fragerunde zu Wort gemeldet:

„Nur mit firmeneigenen Eignungstest und einer guten Schnupperlehre, kann ein angehender Lernender anhand seines persönlichen Potentials eingeschätzt werden.“

Die Volksschulen bezeichnen die Eignungstests der Ausbildungsbetriebe gerne „…als zu streng…“ und „…dem Niveau der Volksschule nicht entsprechend…“.

Mit anderen Worten:

„Die Volksschule erlaubt sich, den Bildungsvertretern aus der Wirtschaft die Beurteilungskompetenz abzusprechen, einen stufen-und niveaugerechten Eignungstest durchführen zu können.“

Es scheint jedoch, als wäre die Wirtschaft auf diese Disharmonie aufmerksam geworden. Sie hat zwischenzeitlich mit einem interessanten Ansatz reagiert.


Obligatorischer „StartUp Mathematik- und Geometriekurs“

In der Elektrobranche des Kantons Zürich und neu auch im Kanton Bern werden Schüler mit gültigem Lehrvertrag zur Teilnahme an obligatorischen StartUp-Vorkursen angemeldet. Sie finden ausserhalb der regulären Schulzeitpräsenzen der Schüler statt. Den Schülern bieten die Kurse die Möglichkeit ihre Kenntnisse in Mathematik-und Geometrie aufzufrischen. Und dies mit beachtlichem Erfolg. Die Teilnehmerzahlen schnellten gegenüber 2015 im Jahr 2016 um das 6-fache empor.

„Es ist nicht die Aufgabe der Wirtschaft, die Versäumnisse der Volksschule zu korrigieren“.


Zuviele Reibungsverluste

Die Fälle scheinen sich zu häufen, in denen sich offensichtlich gut benotete Schüler bewerben und dann in firmeneigenen Eignungstests schlecht abschneiden. Ein Passungsproblem?

Folgende Frage an Frau Tina Mathey soll deshalb erlaubt sein:

„Ist somit der firmeneigene Eignungstest auch nur eine weitere Momentaufnahme?“

Wird zudem die verantwortliche Lehrperson mit den entsprechenden Test-Ergebnissen konfrontiert, wurden laut Aussagen schon folgende Antworten entgegnet:

„…ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der Schüler so schlecht abgeschnitten hat…“

…und weiter:

„…ihre Note von 2.0 in Deutsch ist wirklich viel schlechter als meine Note 4.5 – Aber wissen Sie, wir passen eben die Prüfungen dem Niveau der Schüler an…“


#eduleaks zeigt die rote Karte

Werden diese Fakten neutral betrachtet, ist die wachsende Unzufriedenheit der Ausbildungsbetriebe zu verstehen.

 

Zu unseren Fragen:

  1. Wenn bereits Prüfungen dem Niveau der Schüler angepasst werden; wie können die Schüler jemals einen erfolgreichen Übertritt in die Wirtschaft schaffen?
  2. Verspüren die Schüler überhaupt einen gewissen Leistungsdruck in der Schule, dem sie später in der Wirtschaft wieder begegnen werden?
  3. Wie viele Momentaufnahmen will die Volksschule in der Leistungsbeurteilung der Schüler noch zulassen?
  4. Versteht die sich Volksschule wirklich als kompetenter Wegbereiter für die Schüler, um diese in ihre geeigneten Bahnen zu lenken?
  5. Versteht sich die Volksschule wirklich als Begleitinstitution der Schüler, dessen „Menschendasein“ ihr in der Wertediskussion rund um Zeugnisnoten so wichtig sind?
  6. Wäre es nicht im ureigenen Interesse der Volksschule, ein verlässlicher Partner für die Ausbildungsbetriebe zu sein? Um erfolgreiche Berufsleute ausbilden zu können?
  7. Oder könnte es sogar sein, dass die Volksschule den Schülern lieber den Weg ans Gymnasium ebnet, um sich selber aus der Schusslinie zu nehmen
  8. Wäre hier ein unabhängiges Beobachtungs-und Bewertungsorgan angebracht? Ähnlich dem Stellwerktest?

Fazit

Die Podiumsdiskussion des LBZ war sehr aufschlussreich und interessant. Wir konnten im Anschluss mit anwesenden Personen sprechen. Solche Anlässe sind wichtig für die Bildungslandschaft Schweiz und den Dialog zwischen allen Anspruchsgruppen. Aber über eines scheinen sich alle einig zu sein:

„Eigentlich ist es klar wie alles laufen müsste, doch die verschiedenen Anspruchsgruppen arbeiten nicht optimal zusammen“.

Die Zusammenarbeit zwischen Lehrbetrieb, Anbieter von Zwischenjahren (Brückenangebote) und der Volksschule muss verbessert werden. Alle Beteiligten müssen sich als Bildungspartner verstehen, deren einziges Ziel es sein sollte, unsere Jugend zu selbständigen Individuen zu entwickeln.

Es nützt uns allen nichts, wenn Schüler lernen müssen, dass Pythagoras einst Dichter und Komponist war (Quelle: Lehrmittel Klett) – und somit die wesentlichen Inhalte der Dreiecksberechnung nur noch am Rande streifen. Wenn dann zusätzlich die erwähnte „Vergesslichkeit“ der Schüler zu Buche schlägt, bleibt da wohl vom Schulstoff nicht mehr viel hängen.

Der Stellwerktest ging aus der gesamten Diskussion gestärkt hervor. Er ist und bleibt das hilfreichste Instrument, um die Schulleistungen der Schüler mit den Anforderungen der Berufsbildung abzugleichen.

Muss das Thema „Bildung in Europa und der Schweiz“ neu gedacht werden?

Wir bleiben dran.


Waren Sie auch an der Podiumsdiskussion dabei?

Welche Eindrücke und Erkenntnisse haben Sie mitgenommen?

Sind Sie eine Lehrperson, oder ein Vertreter eines Ausbildungsbetriebs?

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit und schreiben Sie einen Kommentar. Wir werden diesen bestimmt beantworten.